• Juliana

Empfehlung | Verbrechen von Ferdinand von Schirach

Ferdinand von Schirach hat in seinem Beruf alltäglich mit Menschen zu tun, die Extremes getan oder erlebt haben. Das Ungeheuerliche ist bei ihm der Normalfall. Er vertritt Unschuldige, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten, ebenso wie Schwerstkriminelle. Deren Geschichten erzählt er – lakonisch wie ein Raymond Carver und gerade deswegen mit unfassbarer Wucht.

[Quelle: PIPER]



In 11 kurzen Erzählungen schildert Schirach Fälle aus dem Alltag eines Strafverteidigers. Dabei geht es um ganz unterschiedliche Delikte wie zum Beispiel Raub oder auch Mord. Mitunter gibt es einige unerwartete Wendungen oder auch moralische Dilemmata, die den Leser herausfordern, seine eigenen Urteile zu überdenken.


Auffallend ist bei diesem Buch vor allem die Diskrepanz zwischen dem Titel und dem Inhalt. Jede Erzählung befasst sich zwar mit einem „Verbrechen“, doch keines davon ist das tatsächliche Thema der jeweiligen Geschichte. Schirach nutzt die Kriminalfälle um die Personen hinter der Tat darzustellen. Die erste Geschichte beispielsweise handelt von einem älteren Mann, der seine Frau nach jahrzehntelanger Ehe umbringt. Schirach beschreibt den Weg zu dieser Tat auf eine Weise, die es dem Leser schwermacht, ein eindeutiges Schuldurteil zu fällen. Faktisch gesehen ist die Schuldfrage zwar eindeutig und doch kommt man als Leser nicht umhin, den Fall individuell zu betrachten und die Eindeutigkeit des Verbrechens zu hinterfragen.

Dazu trägt auch Schirachs Schreibstil ganz besonders bei. Sein Ton ist durchweg ausgesprochen neutral, er nutzt kaum bildliche Sprache. Die Vorfälle schildert er relativ detailliert, aber vollkommen wertfrei. Dies trägt zum Einen dazu bei, dass der Leser sich nicht manipuliert fühlt in seiner Meinungsbildung, zum Anderen steht er aber daher noch stärker in der Position, ein eigenes Urteil zu fällen anstatt einfach eines zu akzeptieren. Trotz des neutralen Stils, schafft es Schirach aber, dass man nicht nur rational sondern auch emotional abgeholt wird und man tatsächlich teilweise mit den Angeklagten bzw. Tätern mitfühlt.

Verbrechen ist das erste Buch, dass ich von Schirach gelesen habe und es hat mich voll überzeugt. Den großartigen Kritiken, die der Autor von allen Seiten bekommt, kann ich uneingeschränkt zustimmen. Schirach versteht es, hochkomplexe Zusammenhänge zu erläutern, dabei aber kein bisschen lehrerhaft zu wirken. Er schafft durch seinen literarischen Schreibstil die perfekte Balance aus neutralem Faktenbericht und emotionaler Charakterzeichnung. Zusammen ergibt das eine Mischung, die das moralische Denken des Lesers herausfordert. Schirach zeigt auf herausragende Art und Weise, dass selbst hinter schrecklichen Verbrechen nicht zwangsläufig böse Menschen stehen. Es sind Menschen wie Du und Ich, die eine Geschichte haben, ein Leben und Werte. Verbrechen beschönigt dabei keineswegs die Taten oder entschuldet die Taten. Vielmehr zeigt es auf, dass es manchmal nicht so einfach ist, einen Fall zu beurteilen und wir Menschen nicht vorschnell verurteilen sollten, ohne zumindest die ganze Geschichte zu kennen.


Für alle, die beim Lesen auch gerne mal ein bisschen zum Nachdenken angeregt werden wollen, für alle Fans von Kriminalgeschichten und für alle, die bereit sind, ihre eigenen Urteile zu hinterfragen – absolut empfehlenswert!

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