• Juliana

Rezension | Die Tanzenden von Victoria Mas

Ganz Paris will sie sehen: Im berühmtesten Krankenhaus der Stadt, der Salpêtrière, sollen Louise und Eugénie in dieser Ballnacht glänzen. Ob die Hysterikerinnen nicht gefährlich seien, raunt sich die versammelte Hautevolee zu und bewundert ihre Schönheit gerade dann, wenn sie die Kontrolle verlieren. Für Louise und Eugénie aber steht an diesem Abend alles auf dem Spiel: Sie wollen aus ihrer Rolle ausbrechen, wollen ganz normale Frauen sein, wollen auf dem Boulevard Saint-Germain sitzen und ein Buch lesen dürfen, denken und träumen und lieben dürfen wie die Männer.

[Quelle: Piper]


Vorab vielen Dank an Piper und NetGalley für das Rezensionsexemplar!



Es gibt Cover, die sind so schön, dass sie sofort Aufmerksamkeit erregen und im Gedächtnis bleiben. Noch bevor man den Klappentext überhaupt gelesen hat, möchte man dieses Buch kennenlernen. Bei „Die Tanzenden“ von Victoria Mas ist genau das der Fall. Das Cover zeigt eine zarte weibliche Silhouette auf dunkelgrünem Hintergrund, mit einem weiten Rock aus übereinander gelegten orange-roten Federn. Allein die Farbgestaltung suggeriert Lebensfreude und Ästhetik.


Bei der Lektüre von „Die Tanzenden“ zerbricht diese Erwartungshaltung schnell. Die Geschichte von Louise, einer jungen Frau, die in der Salpêtrière gefangen ist und dem Arzt mit ihren Anfällen als Vorführobjekt dient, passt so gar nicht in das Bild von tanzender Fröhlichkeit. Aus ihr spricht vielmehr stille Verzweiflung und naive Hoffnungslosigkeit. Louise träumt von einem Leben außerhalb der Krankenhausmauern. Ein Leben mit einem Ehemann und einer Familie, in dem sie Teil der Gesellschaft sein kann, die sie vom Fenster aus zu beobachten versucht.


Auch Geneviève verkörpert nicht unbedingt das suggerierte Titelbild. Seit fast 20 Jahren arbeitet die Krankenschwester in der Salpêtrière und ist mittlerweile die geschätzte Oberschwester unter dem berühmten Nervenarzt Charcot, der mit Louise seine Fortschritte öffentlich zur Schau stellt. Geneviève ist eine strenge Person, aber fair. Sie kennt ihre Schützlinge und ihre Patientinnen als kranke Wesen an, die jedoch keinerlei Schuld an ihrem Zustand trifft. Für die Frauen ist sie eine Respektperson, die sie rügt und schützt gleichermaßen. Ihre Welt wird aus den Angeln gehoben, als eine neue Patientin das Krankenhaus erreicht.


Eugénie ist eine Tochter aus reichem Haus. Die junge Frau ist unverheiratet und möchte dies auch so beibehalten. Ihrem strengen Vater wiedersetzt sie sich laufend, weil sie ihre Rolle nicht spielen möchte. Intelligent und mutig stellt sie sich dem von ihr erwarteten Rollenbild einer klassischen Ehefrau der gehobenen Schicht. Bei einem geheimen Ausflug mit ihrem Bruder erfährt sie von einem Mann, der kontroverse Theorien verbreitet. Sie macht sich auf die Suche nach seinen Büchern, denn Eugénie hat ein Geheimnis, dass sie zu verstehen versucht und dass ihr sehr gefährlich werden könnte.


Die Geschichte der drei Frauen ist miteinander verwoben, das Buch erzählt sie aus ihren drei Perspektiven. Alle drei Figuren sind hervorragend ausgearbeitet, obwohl augenscheinlich nur wenig offenbart wird. Der Titel bezieht sich auf einen Ball, der jedes Jahr in der Salpêtrière abgehalten wird, um den Patientinnen dort Abwechslung zu verschaffen, aber vor allem der gehobenen Gesellschaft von Paris ein Spektakel zu bieten. Hier treffen zwei Welten aufeinander, wobei sich die Frage stellt, wer über wen urteilt.


„Die Tanzenden“ ist ein schaurig-schöner Roman, der voll perfekt inszenierter Widersprüche steckt. Er zeigt die Stärke der Schwachen, die Intelligenz und Reflexion der vermeintlich Verrückten und den Mut der Unterdrückten. Auch wenn also das Cover zunächst unpassend scheint, ist es am Ende doch perfekt. Die Hauptfiguren strotzen jede auf ihre ganz eigene Art vor Lebensfreude, die Geschichte und Sprache ist eine ästhetische Meisterleistung. Die französische Autorin hat hier einen Roman geschaffen, der den Geist und die Seele berührt.

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