• Juliana

Rezension | Gut gegen Nordwind - Vanessa Jopp

Ein verdrehter Buchstabe lässt eine E-Mail von Emma Rothner versehentlich bei Leo Leike landen. Der Linguist antwortet prompt. Sie beginnen einen schnellen, lustigen und immer intimer werdenden E-Mail Dialog, wie man ihn nur mit einem Unbekannten führen kann. Eine virtuelle Freundschaft entsteht. Leo und Emma beschließen zunächst, ihre Verbindung rein digital zu belassen als eine kleine Flucht vor dem Alltag – denn Leo kommt einfach nicht von seiner Ex-Freundin Marlene los und Emma ist mit Bernhard verheiratet und hat zwei Stiefkinder. Doch langsam stellt sich die Frage, ob sie sich nicht doch mal Angesicht zu Angesicht treffen sollten, denn die Schmetterlinge, die Leo und Emma mittlerweile jedes Mal im Bauch haben, wenn ihr E-Mail-Postfach mit einem „Pling“ eine neue Nachricht ankündigt, sind ganz und gar nicht nur digital. Aber kann man sich tatsächlich nur durch Worte richtig verlieben? Und werden die gesendeten, empfangenen und gespeicherten Liebesgefühle einer Begegnung in der Realität standhalten? Und was, wenn ja?

[Quelle: SONY Pictures]


Als die Verfilmung von Daniel Glattauers Roman „Gut gegen Nordwind“ angekündigt wurde, habe ich mich wirklich gefreut. Mittlerweile habe ich das Buch mehrere Male gelesen, weil ich es so schön finde. Die ganze Geschichte ist komplett in E-Mails erzählt, trotzdem werden die Gefühle perfekt vermittelt und man fiebert richtig mit. Genau diese Erzählform macht den Roman zu etwas ganz Besonderem, aber wie soll man so etwas in einem Film zeigen ohne die Essenz zu verlieren?


Umso überraschter war ich, als ich den Film endlich gesehen habe. Nach wenigen Minuten hat sich bei schon das Gefühl eingestellt, das ich während des Lesens auch hatte. Der Film beginnt mit Leo, gespielt von Alexander Fehling (Inglorious Basterds). Natürlich geht durch das Zeigen eines Schauspielers die Illusion des E-Mail-Schreibenden verloren, aber so ist das in einem Film nun mal, das muss man einfach akzeptieren. Das geht allerdings ziemlich einfach, denn Leos Leben wird sehr ruhig erzählt, sein Job als Linguistikdozent, seine Beziehung mit Marlene. Wir sehen, wie er die erste Mail von Emmi bekommt und darauf reagiert.


Um die Unbekanntheit zwischen den beiden zu betonen, taucht Emmi erst nach einer Weile auch sichtbar auf. Nora Tschirner (Keinohrhasen) spielt die kluge, stilvolle und witzige Frau authentisch und mit vielen kleinen Facetten. In ihrer Rolle als Stiefmutter von zwei Teenagern geht sie voll auf, ihr junges Alter macht sie mit Verständnis wett.


Beide Figuren für sich sind sympathisch. In ihrem Umfeld sind sie beliebt, kommen gut zurecht und führen ein eigenständiges Leben. Doch als die beiden sich schreiben, fühlt es sich mehr und mehr so an, als würde man zwei Menschen dabei zusehen, wie sie endlich das fehlende Puzzleteil ihres Lebens gefunden hätten. Ihr Austausch ist geistreich, witzig, emotional. In teilweise wunderschönen, poetischen Worten teilen die beiden ihre intimsten Gedanken miteinander. Diese Intimität ist nur möglich, weil sie vollkommen anonym sind.


Auch wenn ich das Buch kannte, habe ich mich natürlich gefragt, wie es für die beiden weitergeht. Der Film hat es geschafft, für mich Spannung zu erzeugen und ich habe einfach nur gehofft, dass die beiden glücklich werden. Wie das Buch die Geschichte weiter im Detail erzählt, möchte ich nicht verraten, doch ich war mit dem Ergebnis sehr zufrieden.


Die Regisseurin Vanessa Jopp schafft es eine unglaubliche Leichtigkeit in den Film zu bringen, die Unerreichbarkeit von Leo und Emmi zu verdeutlichen und den Zuschauer mitfühlen zu lassen. Auch wenn es eine Liebesgeschichte ist, geht es doch um so viel mehr. Freundschaft, Ehrlichkeit, Zufriedenheit und die Frage, was ist es, was man wirklich im Leben möchte. Dazu kommen zwei Hauptdarsteller, die ohne direkte Interaktion miteinander ihre ganzen Emotionen zeigen können und ein toller Soundtrack.


Für mich ist „Gut gegen Nordwind“ ein voller Erfolg, ein großartiger Film und ohne Frage eines meiner Kinohighlights aus diesem Jahr!



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