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  • Juliana

Rezension | Schecks Kanon von Denis Scheck

Kann ein Kinderbuch zum Kanon der Weltliteratur zählen? Unbedingt, sagt der Literaturkritiker Denis Scheck. Zum Beispiel Astrid Lindgrens „Karlsson vom Dach“, das am Anfang vieler Leserbiografien steht. Und darf der Klassenclown der Gegenwartsliteratur Michel Houllebecq mit der Aufnahme in einen Kanon geadelt werden? Ja, natürlich. Denn er ist auf dem Gebiet der Politik, was Jules Verne für die Technik war: ein Visionär. Mit seiner Auswahl der 100 wichtigsten Werke präsentiert Denis Scheck einen zeitgemäßen Kanon, der auf Genre- oder Sprachgrenzen schlicht pfeift. Von Ovid bis Tolkien, von Simone de Beauvoir bis Shakespeare, von W. G. Sebald bis J.K. Rowling: Charmant, wortgewandt und klug erklärt er, was man gelesen haben muss – und warum.

[Quelle: Piper]

Vorab vielen Dank an Piper und NetGalley für das Rezensionsexemplar!


Welche Bücher sind lohnenswert? Warum gibt es Klassiker, die jeder in der Schule liest? Hat dies überhaupt noch eine Berechtigung? All das sind Fragen, die im Zusammenhang mit dem Literaturkanon oft gestellt werden. Als Kritiker sollte man hier Antwort stehen können.


Denis Scheck macht in seiner Sammlung genau das. In seiner Einleitung erklärt er, wie er aus seiner jahrelangen Erfahrung und den Mengen an gelesenen Büchern, diejenigen ausgewählt hat, die er für am lohnenswertesten hält. Er ist sich auch darüber bewusst, dass Diversität, Gender und Internationalität große Themen sind, spricht diese Problematik an. Er selbst, so sagt er, konzentriert sich voll und ganz auf das Werk, die äußeren Umstände versucht er weitestgehend außen vor zu lassen.


Scheck hat 100 Werke ausgewählt. Darunter sind viele bekannte, die man wohl erwartet hat: Frankenstein, Faust, Stolz und Vorurteil. Aber auch weniger bekannte und weniger kanonisierte Werke finden hier ihren Platz: Das Tagebuch eines Verrückten, Mord braucht Reklame, Omeros. Dabei bedenkt Scheck nicht nur Romane, auch Dramen, Lyrik und sogar Kinder- und Jugendwerke sind vertreten. Harry Potter ist für ihn ebenso lesenswert wie Der Herr der Ringe, Tim und Struppi genauso wie die Peanuts.


Jedes Werk wird eingeführt. Dazu gibt es eine kurze Information zum Autor und zur Erscheinung. Wichtig ist aber vor allem, dass Scheck jede seiner Wahl begründet. Dies macht er so leidenschaftlich und überzeugend, dass man am liebsten sofort jedes der Bücher lesen möchte. Es waren zum Beispiel auch Werke dabei, die ich gelesen habe, die ich aber überhaupt nicht mochte. Nach Schecks Erklärung habe ich aber doch den Eindruck, dass ich es nochmal versuchen sollte, diesmal mit einer veränderten Sichtweise. Beim Lesen seiner Erläuterungen ist es ganz klar, dass wirklich jedes der Bücher auf diese Liste gehört.


Natürlich sind das nicht DIE 100 Bücher der Welt. Das weiß auch Scheck. Aber es ist ein Ansatz, eine Empfehlung, mit der man guten Gewissens starten kann, wenn man bei der unfassbaren Menge an hervorragenden Büchern den Anfang nicht findet. „Schecks Kanon“ ist eine hilfreiche Sammlung, eine ehrliche Liste, die die Begeisterung für Literatur im Leser füttert.

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